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Windows 8 – Live von der Build Conference – Metro

13. September 2011 von Jens Peter Kleinau

Jensen Harris, Microsofts Director des Program Management für das Windows User Experience Team, nennt die Lücke zwischen dem Betriebssyste und den zukünftigen Nutzern die zweite große Chance in der Geschichte der Anwendungsentwicklung. Mit den prospektiven Kunden des Betriebssystems und den Änderungen in der Nutzerführung bietet sich ein neues Zielpublikum, das sich in der Vorstellung von Microsoft an der neuen Benutzerführung im Metro Design erfreuen soll. Dazu muss Microsoft weltweit die Entwickler für das Design gewinnen. Es braucht enthusiastische Entwickler, die sich bereitwillig darauf einlassen. Und noch viel mehr braucht Microsoft die Unterstützung der Software Firmen und Endprodukt-Hersteller von Anwendungssoftware. Denn es gilt die Abwanderungstendenzen zu den erfolgreichen Konkurrenzsystemen iOS und Android zu stoppen. Apples iOS ist enorm etabliert und droht mit rasendem Wachstum Microsoft davon zu stürmen. Und Android hat das Smartphone verlassen und erobert die Tablet-PCs und Netbooks.

Die Aufgabe von Jensen Harris in der ersten „Big Picture“ Session ist nicht einfach. Er muss die anwesenden Entwickler von der Notwendigkeit überzeugen, dass Metro Design leicht zu implementieren ist und lohnenswert. Dass erstere gelingt ihm überzeugend durch die Darstellung der Templates, die Entwicklern und Designern zur Verfügung stehen. Im Bereich der Touch Bedienung muss er jedoch weiter ausholen. Denn es gilt zu begründen, warum Metro so aussieht wie es aussieht und warum es dem Desktop vom iPad überlegen ist.

Er stellt die Forschungen vor, die Microsoft unternommen hat. Die Untersuchungen in den Laboratorien von Microsoft zeigten, dass die Fingerbedienung sich besonders an den Rändern der Oberfläche orientiert. So werden Bedienelemente, die sich inmitten eines Bildschirms befinden kaum benutzt. Daher finden sich im neuen Windows 8 die Steuerelemente oft an den Rändern und besonders seitlich unten. Diese Erkenntnisse sollten auch in die Anwendungen unter dem Metro Design einfließen, die nun zu schaffen oder anzupassen sind.

Performance und Touch sind elementar verbunden. Die Response auf einen Mausklick, den man hört und spürt kann durchaus verzögert erfolgen. Auch bei einem Tastendruck kann man geduldig auf die Antwort der Maschine warten. Doch bei der Touchbedienung muss alles unter der Device „fast and fluid“ erfolgen. Da die Maschinen mit dem Blick auf die neuen Tablet Plattformen aber nicht zwingend schneller werden, muss sofort eine Resonanz erfolgen, die andeuten, dass der Wunsch des Nutzers beachtet wird. Dazu dient das Animation Framework, das hilft dem Benutzer die Aktion zu vermitteln, die im Hintergrund beginnt. Und sie soll den Benutzer beschäftigt halten, damit er nicht mit mehrfachen Aktivitäten die Maschine überlastet.

Metro Design sieht auf dem ersten Blick enorm langweilig aus. Klare Strukturen helfen die Informationen schnell zu erfassen. Doch die leeren Flächen, die großzügig den Raum füllen, der früher durch eine Menge von Fensterrahmen besetzt war, bedeuten auf sehr großen Bildschirmen einige Zoll Leere. Doch diese Leere kann man durch Animationen, Videoclips im Hintergrund oder sensitiven Oberflächen, die erst bei Berührung aktiv werden, sehr angenehm auffüllen.

Multi-Touch ist nun elementar im Metro Design angekommen. Damit verabschiedet man sich von dem einzigen beweglichen Eingabegerät: der Maus. Das alte Drag&Drop bedingt, dass man ein Element „greift“ und dann durch hin- und herschieben den richtigen Ort dafür aussucht. In einer großen Liste kann dies enervierend sein. Nun kann man ein Element mit einem Finger greifen und mit der anderen Hand den Ort dafür aussuchen. Man kann also schnell mit Fingergesten scrollen und somit alle Möglichkeiten der beiden Hände ausnutzen. Drag&Drop mit dem Finger ist eine natürliche Bewegung, die dadurch noch verbessert wird.

Ein weiterer Aspekt von Multi-Touch will „Semantic Zoom“. Mit zwei Fingern in ein Bild hinein zu zoomen ist schon lange bekannt. Mit Semantic Zoom will Microsoft jedoch keine rein optische Vergrößerung erzielen, sondern die Darstellung ändert sich inhaltlich. Die Informationen in den Kacheln werden in der Minimalansicht auf das wesentliche reduziert. Diese Funktionalität ähnelt der Darstellung der Inhalte im Explorer wo man verschiedene Kachelansichten hat. Doch dort ist die optische Vergrößerung das Maß der Mittel. Nun sollen je nach „semantischer Vergrößerung“ mehr Informationen erscheinen. Das kann in einem Shop von einer Liste zu einer Detailseite zum Kaufen des Produkts führen.

Touch und Maus-Oberflächen sollen sich nach Ansicht von Jensen Haris nicht unterscheiden. Aus dem schlicht einfachen Grund: es lohnt sich nicht mehr. Seine Prognose lautet „In ein paar Jahren ist ein Bildschirm ohne Touch ein defekter Bildschirm“.

„Snap“ und Landscape und Portrait Unterstützung ist ein weiterer Aspekt des Metro Designs. Die Kacheln lassen sich aufrecht oder waagrecht verwenden. Auch wenn die meisten Nutzer der Tablet PCs diesen waagrecht verwenden, sind Anwendungen wie eBook Reader im Portrait auf kleineren portablen Displays sinnvoll. Die Unterstützung ist nicht zwingend, hier muss der Anwendungsfall geprüft werden, bevor man sich an die Arbeit macht. Zwar unterstützen die angekündigten Templates dies, doch die Inhalte müssen sinnvoll organisiert sein, damit sich eine Darstellung im Portrait Display auch lohnt.

„Share contract“ bedeutet, dass Anwendungen untereinander sich austauschen können und das hebt die Zwischenablage auf ein völlig neuen Level. Dazu gehört der Austausch von Daten aber auch die Suche. Unter „search contract“ versteht sich die Möglichkeit durch alle Anwendungen zu suchen, die das unterstützen. Da Anwendungen sich in Zukunft wie Webseiten nach Nutzung kategorisieren lassen, um neue Bezahlmodelle zu ermöglichen, werden die „Klicks“ und Einblendungen der Anwendung wichtig. Je mehr Treffer in der eigenen Anwendung, desto häufiger die Nutzung. Anwendungen werden einen Wettbewerb der Attraktivität gewinnen müssen.

Mit den „Tiles“ wird ein ähnlicher Effekt gesucht. Die „Tiles“ des Desktops informieren als „extension“ der App über die Änderungen. Sie erweitern die Anwendung um einen aktiven Anteil, der auch anwesend und beweglich erscheint, wenn die Anwendung selber ruht. Diese Anwendungen sind nicht wie früher die Gadgets verkleinerte Anwendungen mit einer verkleinerten Anwendungsoberfläche, sondern ein Anzeigemedium, das nur ein einziges Klick-Element bzw. Touch-Element besitzt. Diese begrenzt interaktive Oberfläche wirkt besonders durch grafische Elemente. Hier werden gezielt Emotionen erzeugt, die Benutzer mit der Anwendung „verbinden“ sollen. „Tiles“ können Anwendungen sein oder andere Elemente bevorzugt sind es in den Vorführungen auf der Build Fotos, die mit sozialen Kontakten assoziiert sind. Der Benutzer entscheidet, welche Inhalte in seinem „Tileset“ erscheinen werden. Erneut wird hier ein Wettbewerb um die Gunst der Benutzer erzeugt. „Live Tiles“ mit aktiver wechselnder Oberfläche, die ihre Inhalte aufgrund von scheinbarer oder echter Wichtigkeit ändern, und eine ständige Aktualität vorgaukeln oder besitzen einen deutlichen Vorteil in diesem Wettbewerb.

„Notifications“ sind ein weiterer Weg die Aufmerksamkeit des Nutzers zu gewinnen. Doch hier ist Vorsicht angebracht und Jensen Harris betont, dass die meisten Anwendungen „silence“ sein sollten. Denn wenn der Sinn und Nutzen für den User kleiner ist, als der Nervfaktor durch Benachrichtungen wird die Anwendung schnell unbeliebt.

Metro und Cloud gehören im Sinne von Microsoft zusammen. Das „Roaming Profile“ soll dafür sorgen, dass man sich auf den vielen Geräten, die Windows miteinander verbinden soll, sofort zu Hause fühlt. Das Profil mit verschiedenen Einstellungen soll auf allen Geräten automatisch aktualisiert werden. Dafür sorgt ein Framework, das man von seiner App aus ansprechen kann. Da Anwendungen in Zukunft kein explizites Speichern mehr benötigen sollen, gilt es darum, alle Statusinformationen innerhalb von 5 Sekunden abzuspeichern während das Gerät durch das Betriebssystem heruntergefahren wird. Lange Speicherzeiten sind nicht gewünscht. Die 5 Sekunden erscheinen trotz neuer Speicherfestplatten Technologie sehr wenig, es ist also in den Anwendungen zu beachten, dass Statusinformationen aktuell und gebündelt sind. Lange Speicherzeiten für große Dokumente sind zu vermeiden.

Metro ist nicht nur ein neues Design, es ist ein Werkzeug für den Verkauf von Anwendungen. Anwendungen müssen aktiv, attraktiv und „fast and fluid“ sein, wenn sie auf der Beliebtheitsliste des Nutzers erscheinen sollen. Das Verkaufsmodell der Windows Apps im Online Shop entspricht diesem Aspekt des Windows 8 Design. Wenn die Anwendung über ein größere Konkurrenz verfügt und kein besonderes Alleinstellungsmerkmal besitzt führt an einer möglichst schnellen Anpassung an Metro kein Weg vorbei.

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